
Nemesis als Halloween-Schreck
Halloween, eigentlich ein tolles Fest, aber wie immer gibt es auch Schattenseiten. Und wie so häufig, haben dabei Menschen ihre Hand im Spiel.
Es war schon später Nachmittag, als mich meine Pfoten an die Pforten eines kleinen Tierheims führten.
Ein Blinzeln öffnete mir die Außentür und ich spazierte hinein. Ich hielt mich in den Schatten und schlich auf lautlosen Pfoten näher an das Katzenhaus heran.
»Ich kann nicht glauben, dass so etwas passiert ist.« Eine weibliche Stimme war von drinnen zu vernehmen. »Die haben tatsächlich ein Loch in den Zaun im Außenbereich geschnitten. Alle Katzen sind davongelaufen. Die meisten konnten wir zum Glück wieder einfangen, doch Mohrle, Mikesch und Katinka fehlen immer noch.«
»Sind das nicht…?« Eine männliche Stimme war nun zu hören.
»Doch, genau die. Unsere drei schwarzen Katzen sind verschwunden.«
»Halloween…« Die männliche Stimme seufzte. »Jedes Jahr dasselbe. Die einzige Zeit im ganzen Jahr, wo schwarze Katzen gefragt sind, wir sie aber nicht vermitteln.«
»Gut, dass du es ansprichst. Ich kann mir genau vorstellen, wer dahintersteckt.« Die weibliche Stimme klang nun fast selbst wie eine fauchende Katze. »Es gibt da diesen Männerclub. Die sind mich auch schonmal angegangen und haben davon gefaselt, dass ich eine männerverachtende Hexe sei. Zwei davon waren neulich hier und wollten schwarze Katzen adoptieren. Ich hab sie aber nicht gelassen.«
»Das hilft auch nichts, ohne Beweise.«
»Das ist ja das Schlimme. Die Polizei unternimmt nichts. Für die sind es nur ein paar lästige Tierheimkatzen, die ›verlorengegangen‹ sind.«
Ich hatte genug gehört. Ich verließ das Tierheim auf dem Weg, den ich gekommen war, und schlich mich zur Rückseite, an der das Außengehege des Katzenhauses an ein Feld grenzte. Das geflickte Loch im Maschendrahtzaun war nicht zu übersehen. Einige Katzen turnten über die Klettermöglichkeiten, die den Bereich aufwerteten.
»Moin«, grüßte ich und die Köpfe fuhren zu mir herum. »Ich habe gehört, dass drei unserer Brüder und Schwestern entführt wurden. Könnt ihr mir dazu etwas sagen?«
Die versammelten Katzen beäugten mich misstrauisch, dann trat eine alte Main Coon, deren Schnurrhaare schon ganz grau waren, vor.
»Es war früh am Morgen. Vom Personal war noch niemand da, als ein Transporter hier über das Feld gefahren kam. Er hielt direkt am Zaun, die Seitentür wurde aufgemacht und zwei vermummte Männer machten sich dran, den Zaun aufzuschneiden. Die meisten von uns waren sehr verängstigt und haben versucht sich zu verstecken, aber hier gibt es wenig Deckung. An der Klappe nach drinnen, gab es ein furchtbares Gedränge und so hatten die Kerle Zeit Mohrle, Mikesch und Katinka zu schnappen. Als sie weg waren blieb das Loch zurück, was einige von uns nutzten um zu verschwinden, doch die wurden alle wieder eingefangen.«
»Haben die Kerle irgendwas gesagt, oder war sonst etwas auffällig?«
»Sie sagten, jetzt würden sie es diesen Hexen heimzahlen.«
Ich nickte. »Danke für die Auskunft. Sag mal, gibt es hier einen besonders guten Spürhund im Tierheim?«
Die betagte Dame überlegte noch, als sich ein junger Kater einmischte.
»Der alte Spock war früher ein Jagdhund. Sein Herrchen ist bei einem Jagdunfall ums Leben gekommen. Seit dem ist er hier.«
»Weißt du in welchem Zwinger er festgehalten wird?«, fragte ich.
»Gleich im Ersten. Und er ist allein. Mit anderen Hunden verträgt er sich nicht.«
»Danke.« Ich seufzte.
»Wenn du die Drei wirklich suchen willst, hoffe ich, dass du sie heil wieder nach Hause bringen kannst.« Die alte Katzendame sah mich bittend an und ich nickte zur Bestätigung.
Ich umrundete das Anwesen erneut, verschaffte mir wieder Zugang und schlich zu den Hundezwingern. Die zu finden, war eine meiner leichtesten Übungen. Der Geruch war schließlich unverkennbar.
Schnell stand ich vor dem ersten Zwinger.
Mein Ziel lag in der hintersten Ecke. Ich bemerkte, wie er etwas länger die Luft einsog, dann öffnete sich ein Auge.
»Willst du dich als Appetithappen andienen?«, grollte er leise.
»Nein.«
»Was soll das dann hier werden?«
»Lust auf ein wenig Ausgang?«
»Wie soll das gehen? Die Tür ist abgeschlossen.« Er tat zwar desinteressiert, aber jetzt waren beide Augen offen und der Irish Setter erhob sich langsam und trottete ans Gitter heran.
»Lass das meine Sorge sein«, antwortete ich und musterte ihn gründlich. Ja, beim ihm war ich richtig.
»Was willst du dafür?«, knurrte er und entblößte seine Reißzähne.
»Ein bisschen Hilfe. Drei Katzen wurden entführt und ich will sie finden.«
»Eine Jagd?«
»Wenn du so willst.« Mir war das Aufleuchten seiner Augen nicht entgangen.
»Muss ich danach wieder zurück?«
»Das überlasse ich dir.«
»Deal!«
»Ach ja. Du darfst natürlich keinen von uns fressen.«
»Ich steh eh nicht auf Dachhase«, grollte er.
»Na dann.« Ich blinzelte und das Schloss des Zwingers sprang auf.
Er trat an mich heran und schnupperte an mir.
»Du bist keine gewöhnliche Katze«, stellte er treffend fest.
»Du bist intelligent – für einen Hund«, zog ich ihn auf, was er mit einem grollenden Lachen quittierte.
»Wo fangen wir an?«
»Folge mir.«
»Dann lass uns so tun, als würde ich dich jagen, sonst ist mein Image hier völlig im Eimer.«
Nun musste ich lachen. »In Ordnung. Fang mich, wenn du kannst.« Ich rannte los und er mir bellend hinterher. Ein bisschen Magie machte mich schneller und binnen weniger Sekunden hatten wir den Weg zurück zur Hinterseite zurückgelegt. Er hechelte.
»Du bist schneller als du aussiehst«, stellte er fest und ließ seinen Blick über meinen zugegebenermaßen leicht plüschig wirkenden Körper wandern.
»Danke für die Blumen«, ätzte ich und deutete dann auch die Reifenspuren, die sich deutlich in der weichen Erde des Felds abzeichneten. »Kannst du die Spur aufnehmen?«
»Können Katzen haaren?«, konterte er schlagfertig und nahm die Witterung auf.
Die Spur führte über den restlichen Acker, weiter in einen Wald, vorbei an ein paar Teichen hin zu einer Hütte, die versteckt zwischen den Bäumen lag.
»Hier ist es«, knurrte er. »Kann ich jetzt gehen?«
»Klar. Aber warte noch einen kurzen Augenblick.« Ich setzte mich auf meine Hinterpfoten, schloss die Augen und konzentrierte mich. Meine Schnurrhaare zuckten.
»Jetzt kannst du gehen.«
»Was hast du gemacht?«
»Die haben dir, wahrscheinlich bei einer Narkose, einen Ortungschip verpasst. Den hab ich deaktiviert. Sie zu, dass du dich nicht fangen lässt«, antworte ich und nickte ihm zu.
»Dir auch alles Gute. Du bist die erste Katze, die ich nicht nicht mag«, beschied er. Dann machte er kehrt und schlug sich in den Wald.
Ich näherte mich vorsichtig der Hütte. Inzwischen war es dunkel geworden und so verschwand ich mit meinem schwarzen Fell fast vollkommen in den Schatten. Lautlos sprang ich auf eine Fensterbank und spähte nach drinnen.
Nichts zu sehen. Ich blinzelte und das Fenster ging einen Spalt breit auf. Ich zwängte mich hindurch und sah mich um. In einer Ecke war ein Lichtschein zu sehen. Vorsichtig näherte ich mich und erspähte einen Abgang. Lautlos sprang hinunter und landete in einem großen Gewölbe, das wohl früher mal zu einem Kloster, oder einer ähnlichen Einrichtung gehört haben musste. Weiter hinten waren Stimmen zu hören. Ich pirschte mich näher heran. Drei Männer saßen vor einer Glasscheibe, die den Blick auf einen weiteren Raum freigab. Darin saßen drei Frauen, die man an Stühle festgebunden hatte und deren Augen verbunden waren. Über einen Lautsprecher war ein leises Wimmern zu hören. Ein vierter Mann öffnete gerade die Tür zu dem Raum und warf einen Sack hinein, den er vorher aufgebunden hatte. Ein klägliches Mauen war daraus zu hören. Na warte.
Alle vier Männer starrten nun durch die Scheibe, die wohl nur einseitig durchsichtbar war, wie bei einem Verhörraum.
»Da, da, ich hab es doch gleich gesagt.« Einer war aufgesprungen und deutete auf eine der Frauen, der gerade eine der Katzen, die sich aus dem Sack befreit hatten, auf den Schoß gesprungen war.
»Und da auch…und da!« Auch die anderen Samtpfoten hatten sich nach einer kurzen Erkundungstour durch den Raum, nun jeweils eine Frau gesucht. »Eindeutig. Das sind alles Hexen!«
Ich verdrehe die Augen. Was für Schwachmaten. Hier unten war es kalt und natürlich suchten sich meine Artgenossen das wärmste Plätzchen, das sie finden konnten.
Um was ging es hier? Gut heute war Halloween, aber wer glaubte denn noch ernsthaft an Hexen?
»Kein Wunder, dass die uns abgewiesen haben. Frank, hol den Hexenhammer. Wir werden uns minutiös an die Verhörmethoden darin halten.«
Einer der Männer kam in meine Richtung und verschwand durch den Aufgang, kehrte aber schnell mit einem dicken Buch wieder zurück.
Ich verdrehte innerlich die Augen. Ein Haufen Incels mit Inquisitionsfantasien. Das durfte doch nicht wahr sein. Ich schlich mich zu der Tür, die in den Raum mit den Gefangenen führte. Ein Blinzeln öffnete sie und ich zwängte hindurch. Dabei blieb ich dicht an der Trennwand, sodass man mich durch die Scheibe nicht sehen konnte. Neugierig begutachteten mich meine Artgenossen.
»Mau«, machte ich leise und ein dreifaches »Mau« schallte zurück. Ich hörte, wie hinter der Scheibe laut die Luft eingezogen wurde. Ich zwinkerte meinen Artgenossen zu.
»Hi ihr Hexenkatzen. Die Typen draußen sind völlig durch den Wind und so abergläubig, dass ich denke, wir sollten ihnen einen ordentlichen Halloween Streich spielen. Was meint ihr?«
Ein dreifaches »Mau« war die Antwort und ich konnte hören, dass draußen die Nervosität stieg, denn dem Geräusch nach war gerade ein Stuhl umgefallen.
»Okay. Ich bin Nemesis. Ihr seid Mohrle, Mikesch und Katinka?«
»Mau.«
»Macht einfach nur was ich sage und euch und den drei Damen hier wird nichts passieren, okay?«
»Mau.«
Draußen machte sich weiter Unruhe breit.
»Mikesch, zeig mit der Pfote auf den Spiegel.« Mikesch tat wie ihm geheißen und spielte brillant mit. Er saß stocksteif auf ›seiner‹ jungen Frau, starrte Richtung Scheibe und hob dann wie in Zeitlupe die rechte Vorderpfote, als zeige er auf die Scheibe. Ich blinzelte und draußen erstarb der Stromgenerator, der für das Licht gesorgt hatte. Jenseits der Trennscheibe wurde es laut. Die Männer schrien durcheinander.
»Katinka, jetzt du.« Auch sie zeigte nun mit der Pfote auf die Scheibe und kopierte dabei das Verhalten von Mikesch in Perfektion.
Mit einem Blinzeln wurde das Glas auf beiden Seiten durchsichtig und wir konnten sehen, wie die Männer wild und verängstigt durcheinanderliefen.
»Hexerei! Das ist Hexerei«, schallten die Rufe durch die Scheibe und wir konnten beobachten, wie zwei der Männer panisch große Kreuzanhänger an dicken Goldketten aus den Ausschnitten ihrer Pullover zogen.
»Mohrle!« Auch die dritte schwarze Katze hob nun auf die selbe Weise die Pfote. Die anderen beiden saßen noch da, wie in Stein gegossen. Gruselig. Ich grinste innerlich. Dann blinzelte ich erneut und die Scheibe zerbarst.
»Auf sie mit Zähnen und Krallen«, kommandierte ich und gemeinsam sprangen wir in den anliegenden Raum. Wir kratzten, bissen, und mit der Hilfe von ein wenig Magie, rammte ich viermal meinen Kopf in je einen Schritt, sodass es mit der Familienplanung nun wohl für alle vier in den nächsten Jahren vorbei sein würde. Keine zwei Minuten später nahmen die Männer humpelnd und schreiend Reißaus. Ein weiteres Blinzeln befreite die Frauen von den Fesseln, die sich erstaunlich schnell wieder berappelten. Eine kleine Rothaarige schaute uns entgeistert an.
»Habt ihr uns gerettet?«, fragte sie völlig ungläubig.
»Mau«, kam es diesmal aus 4 Katzenkehlen und die eben noch verschüchtert wirkenden Damen brachen in ein leicht hysterisches Lachen aus.
Gemeinsam verließen wir das Gewölbe, und als wir aus der Tür der Hütte traten, erwartete uns eine neue Überraschung. Ein Polizeiaufgebot wartete dort, die festgenommenen Männer in ihrer Mitte.
»Da sucht man nach einem entlaufenen Hund, und was findet man? Einen Haufen Versager, die sich als Entführer versucht haben.« Die Beamtin, die das geäußert hatte, schüttelte den Kopf. Ich blickte mich um und sah Spock im Schatten eines Baumes zu uns rüber spähen. Er zwinkerte mir zu. Ich blinzelte zurück. Er hatte augenscheinlich die Beamten hergelockt.
»Aber das sind wirklich Hexen«, jammerte einer der Männer immer noch lauthals, als die zerfledderte Gruppe abgeführt wurde.
Die drei Frauen wurden inzwischen medizinisch betreut und saßen in Decken gewickelt an einem Rettungswagen. Jede hatte eine schwarze Katze auf dem Schoß.
»Das sag noch einmal schwarze Katzen bringen Unglück«, murmelte die Rothaarige leise und kraulte Katinka unter dem Kinn.
Ich war mir sicher: Diese drei Fellnasen würden ganz gewiss nicht mehr lange ihr Dasein im Tierheim fristen.
© Guido Ewert